Hannover-Forum 2019

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Baut die Wohnungswirtschaft am Bedarf vorbei?
37. Hannover-Forum: Branche diskutiert über Nachhaltigkeit und Hemmnisse beim Wohnungsbau

Bauland zur Verfügung stellen, Grundstückskosten senken und Regularien nicht weiter verschärfen – beim diesjährigen Hannover-Forum des BFW Niedersachsen/Bremen e.V. waren die Stellschrauben für mehr Wohnraumschaffung schnell formuliert. Unabhängig der angespannten Situation ging es aber insbesondere auch um die Frage, wie der aktuelle und zukünftige Bedarf an Wohnraum aussieht und wie nachhaltig die derzeitig entstehenden Wohnungsangebote in der Zukunft sind. Die angespannte Wohnungsmarktlage wurde auch unter den rund 200 Vertretern aus Immobilienwirtschaft, Politik und Verwaltung sowie Industrie kontrovers diskutiert.  

Zum Auftakt des Nachmittages erläuterte Dirk Streicher, Vorstandsvorsitzender des BFW Niedersachsen/Bremen e.V., mit einem kleinen volkswirtschaftlichen Exkurs die Entwicklung der Branche. Zu der Fragestellung, wie seriös der derzeitige Wohnungspopulismus ist, mahnte er: „Wenn jetzt falsche Weichen gestellt werden, werden keine neuen Wohnungen gebaut. Für die dringend notwendigen Lösungen ist konstruktive Zusammenarbeit gefordert.“ Aus diesem Grund beteiligte sich der BFW Niedersachsen/Bremen auch intensiv in allen fünf Arbeitsgruppen des Bündnisses für bezahlbares Wohnen in Niedersachsen.

Anschaulich untermauert wurden seine Ausführungen vom BFW Bundesgeschäftsführer Christian Bruch, der statt eines Berichts aus Berlin mit deutlichen Worten auf die bundesweite Branchenentwicklung einging. „Ich habe manchmal das Gefühl, wir alle sitzen in einem Bus und rasen wissentlich auf den Abgrund zu. Statt rechtzeitig zu bremsen, diskutiert die Politik aber scheinbar lieber darüber, ob der richtige Radiosender eingestellt ist.“ Sein Versprechen an die Zuhörer: „Der BFW wird sich nicht verleiten lassen, über den richtigen Musikgeschmack zu diskutieren. Die Wohnungswirtschaft weiß, wie bremsen funktioniert. Was wir brauchen sind Mut und Entschlossenheit, um erfolgreich zu bauen und keine weiteren Experimente“. Konkret richtete er sich damit an die Politik und forderte, Nutzungsklassen nicht weiter gegeneinander auszuspielen, sondern einfach mehr Bauland zur Verfügung zu stellen.

Politisch bewegt sich etwas

Dass bereits einiges in Bewegung geraten ist, brachte Stefanie Nöthel, Abteilungsleiterin Bauen und Wohnen beim niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz, zum Ausdruck. Sie stellte die Ergebnisse des Bündnisses für bezahlbares Wohnen in Niedersachsen vor, an dem verschiedene Interessengruppen in den vergangenen zwölf Monaten intensiv gearbeitet haben. So wurden über 100 HandlungseIMG_3649mpfehlungen formuliert, von denen viele sofort und einige nach einer weiteren Konkretisierung umgesetzt werden können. Die Aussichten nach den Ausführungen von Stefanie Nöthel fasste Streicher optimistisch zusammen: „Wenn die Pläne so umgesetzt werden, gibt es bald mehr Bauland, ab Sommer weitere Fördergelder und mit digitalen Baugenehmigungsverfahren können wir dann auch schneller bauen.“

Welche Maßnahmen die Region Hannover ergreift, um den dringend benötigten bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, stellte der Stellvertretende Regionspräsident Michael Dette vor. So wurde bereits 2016 die WohnBauInitiative Hannover gestartet, die sich im Schwerpunkt auf die Bereiche „Fläche und Förderung“ konzentriert. Als Instrumente zur Zielerreichung von 28.300 Wohnungen bis 2025 nannte er das Wohnbauflächenkataster, eine geplante Koordinierungsstelle Wohnungsbau, die Wohnraumförderung, das Regionale Wohnraumversorgungskonzept und die WohnBau-Prämie.

Auf Entwicklungen am Wohnungsmarkt bedarfsgerecht reagieren

Zur Frage nach dem Bedarf stellte Achim Däbert von der NBank die aktuellen Entwicklungen des niedersächsischen Wohnungsmarktes vor. „Der Markt wird sich verändern und die Branche darf sich nicht ausruhen. Während 2009 noch die Strömung vom Land in die Städte zu beobachten waren, findet seit 2017 wieder eine Abwanderung ins Umland statt. Bedarf und Nachfrage sind stark von der Lebensphase abhängig. Was wir heute und in Zukunft brauchen, sind nachhaltige Konzepte für unterschiedliche Lebenssituationen“. Einen besonderen Stellenwert misst er in diesem Zusammenhang dem Quartier bei.
Wie unterschiedliche Nutzungsformen miteinander verbunden werden können, zeigt das Beispiel des Bremer Quartiers „Europahafenkopf“. Für das moderne Stadtquartier entstehen in der Bremer Überseestadt vier individuell gestaltete Gebäudekörper mit einer Mischnutzung aus Büro, Wohnen, Mobilität, Gastronomie und Freiflächen. Geplant sind 345 Wohnungen, darunter rund 25 Prozent geförderter Wohnungsbau. Holger Römer, Leiter Unternehmenskommunikation der Zech Group GmbH: „Unsere Städte müssen sich zu attraktiven Begegnungsstätten mit hoher Aufenthaltsqualität entwickeln. Das bedeutet u.a. auch, dass wir Wohnen und Arbeiten mit anderen Angeboten wie Gastronomie und attraktiven Freiflächen verknüpfen, um ein lebendiges, urbanes Stadtquartier für unterschiedliche Nutzergruppen zu schaffen“.

Wie realistisch sind Angebote für alle Nutzergruppen?

In der abschließenden Diskussion IMG_3998am Nachmittag dominierten drei Fragen die Debatte: Was treibt die Baukosten in die Höhe? Wie flexibel können wir bauen? Und bauen wir momentan nicht am Bedarf vorbei?

Einig waren sich die Diskutanten, welche Faktoren zu der enormen Erhöhung der Baukosten in den letzten Jahren beitragen. Allen voran steht die mangelnde Verfügbarkeit von Grundstücken, die zu einer immensen Erhöhung der Grundstückspreise führt. „Für nachfragegerechten Wohnungsbau ist die Baulandentwicklung und eine sozial verantwortungsvolle Bodenpolitik in Verbindung mit fundierten Wohnungsmarktprognosen und Wohnraumkonzepten der wesentliche Schlüssel. Nur mit ausreichend Bauland zu vertretbaren Preisen für die verschiedenen Markt- und Preissegmente werden wir die Nachfrage aller Haushalte bedienen können“, gab Christian Huttenloher, Generalsekretär Deutscher Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V. zu bedenken. Aber auch die hohen Auflagen und Standards sind enorme Kostentreiber. „Wir brauchen den Mut, unseren Standard in Frage zu stellen. Wünschenswert wären Beispielprojekte mit allen Akteuren, um Lösungen zu schaffen. Dabei geht es auch um die Frage „Wie viel Wohnraum können wir uns leisten?“ und um Standards mit Außenmaß“, so Sven Martens, von der Architektenkammer Niedersachsen und Geschäftsführer der gruppeomp Architektengesellschaft mbH.

Zur Frage der Flexibilität führte Prokuristin Annamaria Deiters-Schwedt aus, dass Wohnen vor 50 Jahren gar nicht so anders als heute war. Hierzu Streicher: „Flexibilität ist kein neues Thema, aber heute eine Frage der Umsetzbarkeit. Beispielsweise sind mobile Trennwände unter den derzeitigen Schallschutzbestimmungen gar nicht zu realisieren. Außerdem kostet Flexibilität auch immer Geld, was aktuell mit Blick auf die ohnehin schon hohen Baukosten nicht zielführend ist.“ Deiters-Schwedt sieht so auch „Flexibilität nicht nur auf der Ebene der einzelnen Wohnung, sondern vor allem auf der Ebene der Gebäude und ganzer Quartiere. Wenn ich dort die Möglichkeit habe, mich auf zukünftige Änderungen in den Nutzungsanforderungen einzustellen, trägt dasIMG_3466 wesentlich zu einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung bei.“

Insgesamt wurde deutlich, dass die derzeitigen Rahmenbedingungen die Schaffung bedarfsgerechter Wohnungsangebote für alle Nutzergruppen erschweren. Streicher: „Alle versuchen für den Bedarf zu bauen. In Teilen zwingen uns aber gesetzliche Vorgaben eine Art von Wohnungsbau zu betreiben, der langfristig möglicherweise am Bedarf vorbeigeht. Wenn sich der Markt dann entspannt, werden einige Angebote vermutlich nicht mehr marktfähig sein. Daher sind heute Rahmenbedingungen erforderlich, die das Bauen für morgen ermöglichen.“

Bildquelle: Niklas Krug

Hier können Sie sich den Einladungsflyer mit der gesamten Programmübersicht herunterladen:

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